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TU München: Drei Viertel der Deutschen wollen Energiewende – auch die Firmen / Skepsis bei konkreter Umsetzung

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Die Energiewende stößt in Deutschland auf breite Zustimmung: Mehr als drei Viertel der Privathaushalte, Energieversorger und Industrieunternehmen bewerten die Neuausrichtung des Energiesektors und die Vorreiterrolle Deutschlands positiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Technischen Universität München (TUM) und der Managementberatung Oliver Wyman. Gleichzeitig stehen alle drei Gruppen der Umsetzung der Energiewende skeptisch gegenüber: Die Verbraucher empfinden die steigenden Strompreise als Belastung. Die Mehrheit der Unternehmen ist nicht bereit, ohne Förderung in eigene Kapazitäten zur Energieerzeugung zu investieren. Und die Energieversorger fordern stabilere gesetzliche Rahmenbedingungen.

Für die Studie „Gesundheitscheck Energiewende – Folgen und Herausforderungen der Energiewende für Haushalte, Industrie und Energiewirtschaft“ haben der Lehrstuhl für Unternehmensführung der TUM und Oliver Wyman von September bis November 2014 mehr als 1.000 Privathaushalte und über 120 Unternehmen aus Energiewirtschaft und Industrie in Deutschland befragt.

Die Privathaushalte messen der Neuausrichtung des Energiesektors große Bedeutung bei. Immerhin 58 Prozent der Befragten würden ihre Wahlentscheidung vom Thema Energiewende abhängig machen. Aus ihrer Sicht leistet die Energiewende zudem einen wichtigen Beitrag, um die Belastung der nächsten Generation zu reduzieren (94 Prozent), Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen (95 Prozent), die Wettbewerbsfähigkeit zu halten und auszubauen (94 Prozent), Unabhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland zu gewährleisten (94 Prozent), die Abhängigkeit von Stromkonzernen zu verringern (91 Prozent) und die Klimaschutzziele zu erreichen (93 Prozent).

49 Prozent glauben nicht an erfolgreiche Realisierung der Energiewende

Der breiten Zustimmung zum Trotz ist das Gelingen der Energiewende aus Sicht der privaten Haushalte kein Selbstläufer: 49 Prozent glauben nicht an eine erfolgreiche Realisierung. Für zahlreiche Befragte ist zudem die Umsetzung problematisch: 80 Prozent empfinden die steigenden Strompreise als starke Belastung. Obwohl eine klare Mehrheit grundsätzlich zu Investitionen in erneuerbare Energien bereit ist – neben Photovoltaik und Erdwärme steht dabei Windkraft hoch im Kurs –, wollen sich 66 Prozent nur bei einer entsprechenden Förderung engagieren. Und selbst dann ist ihre Investitionsbereitschaft eher schwach ausgeprägt. 40 Prozent wollen lediglich maximal 1.000 Euro in grüne Technologien investieren. Zugleich ist der Anspruch an die Amortisationszeit hoch. 32 Prozent erwarten, dass sich ihre Investitionen innerhalb von drei Jahren rechnen.

70 Prozent der Unternehmen rechnen mit höheren Energiekosten

Skepsis zeigt sich auch bei Industrieunternehmen. Rund 70 Prozent rechnen im Rahmen der Energiewende mit höheren Energiebeschaffungskosten. Dennoch wollen 67 Prozent der Industrieunternehmen keine eigenen Kapazitäten zur Energieerzeugung aufbauen. Allerdings geben alle Befragten an, dass eine entsprechende Förderung ihre Investitionsbereitschaft erhöhen könnte.

Investitionswillige Industrieunternehmen wiederum setzen vorrangig auf erneuerbare Energien, um das Firmenimage zu verbessern (77 Prozent) und Kosten zu senken (62 Prozent). Fast 90 Prozent sehen Blockheizkraftwerke, 65 Prozent Photovoltaikanlagen und 59 Prozent Erdwärme als attraktive Investitionsobjekte an.

„Um die breite Zustimmung zur Energiewende in der Industrie und der Bevölkerung auch für die Zukunft zu erhalten, müssen die Probleme in der Umsetzung identifiziert und möglichst rasch gelöst werden“, sagt Dominik Schall vom Lehrstuhl für Unternehmensführung der TUM.

Zwei Drittel der Energieversorger glauben nicht an zügigen Netzausbau

Größter Kritikpunkt der Energieversorger sind die politischen Rahmenbedingungen, die aus ihrer Sicht für die Neuausrichtung des Energiesektors nicht ausreichen. Die 2014 vorgenommenen Änderungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) halten 83 Prozent für wirkungslos oder negativ. Darüber hinaus sehen sie deutliche Defizite bei weiteren zentralen Faktoren. So rechnen lediglich 30 Prozent der befragten Energieversorger damit, dass der erforderliche Netz- und Speicherausbau in absehbarer Zeit realisiert ist.

Dennoch beurteilen die Energieunternehmen ihre eigenen Zukunftsperspektiven sehr optimistisch. 83 Prozent der Befragten halten sich für die anstehenden Herausforderungen gut vorbereitet. 65 Prozent sehen große Chancen im Vertrieb. Ihre Zukunft in der Strom- und Wärmeerzeugung hingegen bewerten 30 Prozent negativ, 23 Prozent sogar sehr negativ.

Bei ihren Investitionsplänen in die neuen Aktivitäten oder den weiteren Ausbau des Unternehmens im Bereich grüner Technologien setzen Energieversorger hauptsächlich auf Onshore-Windkraft: Entsprechende Anlagen halten 79 Prozent für attraktiv. Photovoltaik steht bei 44 Prozent im Fokus. Darüber hinaus haben Energieversorger klare Vorstellungen, welche Rolle sie im Rahmen ihres Engagements bei Onshore-Windkraft und Photovoltaik spielen wollen. Sie streben ein Engagement als wirtschaftlicher und technischer Betreiber an. Mehr als 60 Prozent sehen sich dafür gut gerüstet.

Autoren empfehlen Energieunternehmen besseres Kundenverständnis

Von heute auf morgen werde es den Energieversorgern jedoch nicht gelingen, sich im wandelnden Energiesektor neu zu positionieren und Wettbewerbsvorteile zu erzielen, so die Autoren der Studie. Ihre Produkte seien häufig noch zu technikorientiert und bildeten die Bedürfnisse der Kunden nicht ausreichend ab. Für Energieversorger habe es daher höchste Priorität, ein besseres Kundenverständnis zu entwickeln und vor allem einfache und maßgeschneiderte Produkte zu schaffen, die regionale Besonderheiten berücksichtigen.

„Soll das Großprojekt Energiewende auch für Energieversorger ein Erfolg werden, müssen sie mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen punkten“, betont Jörg Stäglich, Partner im Energiebereich bei Oliver Wyman. „Die Voraussetzungen für die Etablierung neuer Lösungen sind gut. Dies zeigt die breite Akzeptanz für die Energiewende in Bevölkerung und Industrie.“

„Für die Unternehmen der Energiewirtschaft gilt es, ihren Wandel vom Versorger zum Dienstleister noch stärker als bisher voranzutreiben, um in der Energiewende zu bestehen“, sagt Prof. Alwine Mohnen vom Lehrstuhl für Unternehmensführung der TUM.

TU München, Pressemitteilung v. 20.01.2015